Donnerstag, 29. September 2016

Beziehungscoaching - braucht es das?



Coaching in seiner eigentlichen Form ist heute aus der Wirtschaft nicht mehr wegzudenken. Menschen in Führungspositionen müssen ständig weitreichende Entscheidungen fällen. Da ist es unabdingbar, dass sie ihre Entscheidungswege ständig reflektieren. Dabei hilft der Coach.
Ein Coach ist also kein Berater, er oder sie muss nicht einmal etwas vom Fachbereich des Klienten (des Coachee) verstehen. Ein Coach berät seine Klienten nicht fachlich, sondern führt sie zu ihrem eigenen Wissen und begleitet ihre Auseinandersetzung damit.
Noch vor 30 Jahren brauchte es kaum Coaching. Die Wirtschaft funktioniert nach klaren Regeln und wer etwas flexibel und visionär war, vielleicht es auch einfach so machte wie man es schon immer gemacht hat, der hatte mehr oder weniger Erfolg.
Heute weiss niemand mehr was in einem halben Jahr sein wird, umso wichtiger sind die gut reflektierten Entscheidungswege – und damit das Coaching.

Auch in der Beziehung war früher vieles klarer. In den letzten Jahrzehnten sind aber die religiösen, die gesellschaftlichen und die ökonomischen Zwänge in der Ehe weggefallen.
Was bleibt ist die reine Liebe, wie der Beziehungsforscher Gunther Schmidt konstatiert. Heute entscheidet nur noch die gegenseitige Zuneigung ob ein Paar zusammenbleibt oder nicht. Da aber eine Langzeitpartnerschaft eine stete Abfolge von Konflikten und Krisen ist, macht dies die Sache nicht einfacher. Und sich einfach trennen, wenn es nicht mehr lustig ist, scheint vor allem wenn Kinder da sind auch nicht die allerbeste Möglichkeit.

Diese Öffnung von Partnerschaften weg von äusseren Zwängen hin zu einem selbstbestimmten Mit- oder Auseinander schraubt die Ansprüche an die Partner in schwindelerregende Höhen. Es braucht schon eine sehr hohe Kommunikationskompetenz um all die anfallenden Meinungsverschiedenheiten und Konflikte adäquat bewältigen zu können.
Dazu kommt, dass praktisch in allen Lebensbereichen die Anspruchshaltung der beiden Partner sich auf unterschiedlichem Niveau befindet. Was für den einen absolut in Ordnung ist, ist für den andern inakzeptabel. Während solche Unterschiede bei den Themen Zahnpastatube wieder zuschrauben oder schmutzige Wäsche in den Wäschekorb entsorgen mit einigem guten Willen noch verhandelbar sind, werden sie bei Themen wie der Kindererziehung oder gar der Sexualität zu einer wirklichen Herausforderung für das Paar. Studien haben gezeigt, dass nirgends so wenig über Sexualität gesprochen wird wie in langjährigen Beziehungen.
Der Grund dafür ist überhaupt nicht der, dass sich die beiden sexuell ideal ergänzen und deshalb Gespräche überflüssig wären.
Nach David Schnarch einem bekannten amerikanischen Paartherapeuten ist es so, dass in der Sexualität immer der Partner mit dem tieferen Bedürfnis den Umgang mit und die Häufigkeit von sexuellen Kontakten vorgibt.  Dass hier einiges an Konfliktpotential vorhanden ist, scheint klar.
Wenn Paare sich bei Schnarch nach 10 Ehejahren darüber beklagen, dass ihre Sexualität eingeschlafen sei, so pflegt Schnarch zu antworten: Da bin ich aber froh, dann ist bei ihnen ja alles normal!

Was folgt daraus für die moderne Paarbeziehung? Alle Beziehungsratgeber empfehlen die Kommunikation als Allheilmittel. Das ist sicher nicht falsch. Das Problem ist nur, dass es ausserordentlich anspruchsvoll ist, in einer Langzeitbeziehung ein reflektiertes Gespräch über unbefriedigte Sexualität zu führen, welches nicht sehr schnell mit Vorwürfen und Gegenvorwürfen endet.
Ein Ausweg daraus ist die Hilfe eines Beziehungscoaches in Anspruch zu nehmen. Der Beziehungscoach kommt dann zum Einsatz, wenn es noch keine Paartherapie braucht, wenn also die Beziehung eigentlich noch gut läuft. Die Aufgabe eines Beziehungscoaches ist es auch nicht die Beziehung oder die Partner zu therapieren oder zu beraten, sondern sie in der gemeinsamen Reflektion zu leiten. So schafft es das Paar die anspruchsvollen Themen anzusprechen und Kommunikationsmuster einzuüben, welche im Alltag Wirkung zeigen können.

Der Beziehungscoach übernimmt keine Verantwortung in der Lösung der Probleme, er oder sie gibt dem Paar aber Werkzeuge in die Hand um die Konflikte selbst zu lösen

Freitag, 23. September 2016

In der Liebe keine Kompromisse machen

www.zeller-baumeler.ch



Sehr häufig liest man in Beziehungsratgebern den Tipp, dass man als Paare Kompromisse machen müsse. Der amerikanische Paartherapeut David Schnarch rät davon ab.
Schnarch vertritt die Ansicht, dass Kompromisse nur den Zeitpunkt hinauszögern, an dem das Paar Farbe bekennen muss, ob und wie es das gemeinsame Leben weiterführen will.
Wir gehen in einer romantischen Vorstellung fälschlicherweise davon aus, dass zwei Liebende füreinander geschaffen sind. Spätestens nachdem aber die hormongesteuerte Verliebtheit abgeklungen ist, wird das Paar feststellen, dass sie zwei verschiedene Personen mit verschiedener Sozialisation und verschiedenen Werten sind.

Tauchen die ersten Konflikte auf, versucht das Paar häufig mit Hilfe von Verzicht oder Kompromissen weiterhin in der Komfortzone der Verliebtheit zu bleiben. Dies schafft aber auf Dauer nur, wer sehr leidensfähig ist. Irgendwann kommt der Konflikt, in dessen Verlauf nicht mehr verzichtet werden kann und auch kein Kompromiss mehr möglich ist. Das ist der Moment, in dem all die kleinen Demütigungen, welche durch Verzicht und Kompromisse erzeugt wurden, lawinenartig über das Paar hereinbrechen.

Eine Lawine aus all den kleinen Peanuts, welche einzeln betrachtet als zu unwichtig angesehen wurden um einen Konflikt zu provozieren, können in ihrer Gesamtheit eine Beziehung hinwegfegen. Da wird alles ausgepackt, was irgendwann einmal geschluckt wurde. Und das ist in jeder Beziehung auf beiden Seiten zwangsläufig einiges.

Schnarch plädiert nun dafür, dies nicht geschehen zu lassen, indem das Paar sehr früh das Erreichen der kritischen Masse zulässt. Mit der kritischen Masse meint er den Moment, in dem die Angst und der Druck nicht mehr verdrängt werden können und eine fundamentale Veränderung möglich wird. Je später das geschieht, umso heftiger und unkontrollierbarer wird diese Veränderung sein.

Das Paar, welches also schafft diesen entscheidenden Punkt früh zu erreichen, gewinnt in jedem Fall. Vielleicht merkt es, dass es nicht zusammenpasst und trennt sich zu einem Zeitpunkt, in dem die Demütigungen noch nicht so tiefe Spuren hinterlassen haben, dass es als Feinde auseinandergeht.
Oder es rauft sich zusammen und akzeptiert seine Verschiedenheit. Ein Paar welches das schafft und beschliesst weiterzumachen, hat gute Chancen auf ein gelingendes Leben - auf eine gelingende Liebe.
Das Paar welches diesen Punkt gemeinsam überwindet, wird merken, dass es wichtig ist sehr differenziert mit der Verschiedenheit der beiden Partner umzugehen. Im Idealfall sucht es sich einen Coach um die wichtigen Punkte zu klären oder einen Therapeuten, wenn schon sehr tiefgreifende Verletzungen passiert sind.

Kompromisse bilden ein Kartenhaus, welches irgendwann zusammenfällt. Einen Partner zu lieben heisst, sich mit seinen und meinen schwierigen Seiten auseinanderzusetzen, sobald die Verliebtheit vorbei ist.

David Schnarch -Intimität und Verlangen, 2011 Klett – Cotta Verlag, Stuttgart